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Der Klimawandel beeinflusst die Migration nicht immer so, wie man denkt – das Beispiel Bangladesch

Viele Menschen auf einem Pier und einem Boot
Bangladesch gilt als klimatischer "hotspot" und ist mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert. 2022 Anadolu Agency

Immer mehr Menschen sind vom Klimawandel betroffen. Wo gehen jene hin, die ihr Zuhause verlassen müssen? Eine ETH-Studie in Bangladesch liefert unerwartete Antworten.

Korail ist einer der grössten Slums in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch. Rund 50’000 Menschen leben hier, in Sichtweite des Businessbezirks Gulshan, der reichsten Gegend der Megacity. Unter ihnen sind Salme und Shajahan, die beide von der Insel Bohla stammen und mit ihren Familien nach Korail gezogen sind, um Arbeit im angrenzenden Gulshan zu finden.

Eine Frau aus Bangladesch mit einem bunten Sari
Salme aus Korail arbeitet als Haushaltshilfe in Gulshan: «Das Einkommen variiert, es gibt keine Verträge.» Giannis Mavris/SWI swissinfo.ch

Beide sind migriert, nachdem ihre Häuser aufgrund von natürlichen Ereignissen zerstört worden waren. Die Insel Bohla wird wie die gesamte Küste des Landes immer wieder von Zyklonen getroffen, immer häufiger und heftiger über die letzten Jahrzehnte. Erosion und Versalzung der Böden zerstören die Lebensgrundlagen vieler Menschen – auch von ihnen beiden.

«Ich bin verwitwet und lebe mit meinem Sohn in einem heruntergekommenen Haus, aber was sollen wir machen? Zurück nach Bohla können wir nicht, unser Land wurde weggeschwemmt», fasst Salme ihre Situation zusammen. Immerhin finde man Arbeit im nahegelegenen Gulshan. Aber die Prekarität bleibt, auch für Shajahan: «Zusammen mit meiner Frau und unseren sieben Kindern leben wir technisch gesehen auf Land, das der Regierung gehört. Wir sind ihnen ausgeliefert, sie können uns jederzeit vertreiben.» Das wäre nicht das erste Mal – beide lebten mit ihren Familien zuvor in anderen Slums, bevor sie vor Jahren in Korail gelandet sind.

Ein Mann vor einem grünen Hintergrund
Shajahan von Korail ist Koch, kann aber wegen einer Verletzung nicht mehr arbeiten: «Mein ältester Sohn ist jetzt verantwortlich für das Familieneinkommen.» Giannis Mavris/SWI swissinfo.ch

Salme und Shajahan gehören damit einer grösser werdenden Gruppe an: Sie sind Klimaflüchtlinge. Dass sie von ihrer Insel in die Megacity gezogen sind, ist ein dafür typischer Vorgang – allerdings einer, der wesentlich seltener vorkommt, als gemeinhin angenommen wird.

Jan Freihardt von der ETH Zürich hat in Bangladesch genau zu diesem Thema geforschtExterner Link. Sein Fazit: «Klimabedingte Migration ist sehr kleinräumig.» Freihardt hat mit einem Team dafür 2200 Personen, die im Norden des Landes am Fluss Jamuna leben, über vier Jahre begleitet. Das grösste Problem dort sei Flusserosion. «Innerhalb dieser Zeit haben mehr als zehn Prozent ihr Dorf verlassen, die meisten gingen in ein Nachbardorf, wenige in nahe gelegenen Städte, und das auch nur temporär. Ins Ausland ging praktisch niemand.» Die Deutlichkeit der Resultate hätte ihn überrascht, sagt Freihardt.

Bangladesch gilt als das am dichtesten besiedelte Land der Welt mit über 170 Millionen Einwohner:innen und gehört zu den ärmsten Staaten in Asien. Es ist zudem eines der Länder, das aufgrund seiner Topografie am anfälligsten ist für die negativen Auswirkungen des Klimawandels und als regelrechter «hotspot» gilt: Neben den erwähnten Zyklonen leidet das Land gleichzeitig unter immer ausgeprägteren Dürreperioden und zeitweiser Überflutung – einerseits wegen höheren Niederschlagsmengen, andererseits wegen der Gletscherschmelze im Himalaya, die die 800 Flüsse des Landes anschwellen lassen.

Karte von Bangladesch
Kai Reusser / SWI swissinfo.ch

Asyl, Migration und die Politik

Die Vorstellung, dass Klimaflüchtlinge ihr Haus in Richtung Stadt oder Ausland verlassen, ist weit verbreitet. Aber sie ist verzerrt: Die allermeisten bleiben als intern Vertriebene im eigenen Land – und zu einem grossen Teil auch ganz in der Nähe ihres Wohnortes.

So definiertExterner Link die Internationale Organisation für Migration (IOM) den Begriff Klimamigration: «Die Bewegung einer Person oder von Personengruppen, die überwiegend aufgrund plötzlicher oder fortschreitender Umweltveränderungen infolge des Klimawandels gezwungen sind, ihren gewöhnlichen Aufenthaltsort innerhalb eines Staates oder über eine internationale Grenze hinweg vorübergehend oder dauerhaft zu verlassen, oder sich dazu entschliessen, dies zu tun.»

«Mit dem Schreckgespenst Migration wird Politik betrieben, immer öfter auch in Zusammenhang mit dem Klimawandel. Es ist deshalb umso wichtiger, Zahlen bereitzustellen», sagt Freihardt.

Asyl und Migration nehmen in politischen Debatten vieler Länder eine immer grössere Rolle ein. Der Ton wird dabei immer alarmistischer, wie am folgenden Beispiel ersichtlich wird. So sagte im Jahr 2020 ein Nationalrat der rechtskonservativen SVP, Thomas Matter: «Für Bewohner des afrikanischen Kontinentes […], aus welchem viele, viele Millionen Menschen Richtung Europa auswandern möchten und wo sich die Bevölkerung in rasanter Geschwindigkeit vermehrt, könnte das Klima sehr wohl zum beliebten Scheinargument für Asyl werden.» Er sagt dies bei DiskussionenExterner Link über eine von ihm eingebrachte parlamentarische Initiative mit dem Titel «Ausschluss von sogenannten Umwelt- oder Klimaflüchtlingen vom Flüchtlingsbegriff im Asylgesetz».

Matters Initiative wurde zwar abgelehnt, die Verhärtung in der Migrationsdebatte hat aber auch reale Konsequenzen. So hat die Schweiz – wie viele andere Länder in Europa – ihre Entwicklungshilfe reduziert. Drastischer und weitreichender ist die Streichung von Geldern für die amerikanische Behörde USAID durch die zweite Administration Trump. Bangladesch ist von beiden Entscheiden getroffenExterner Link.

Die internationale Zusammenarbeit ist eines der Opfer der Sparmassnahmen in der Schweiz. Für die nächsten Jahre sind rund 430 Millionen Franken gestrichen worden. Das betrifft auch Bangladesch: Bis Ende 2028 wird die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) die bilateralen Entwicklungsprogramme einstellen (ebenso jene in Albanien und Sambia).

Die Schweiz ist seit fünf Jahrzehnten in Bangladesch tätig, die Bewältigung negativer Folgen des Klimawandels war dabei einer der Pfeiler der bilateralen Unterstützung.

Migration ins Ausland ist für Bangladesch generell nichts Unbekanntes. Es gab schon immer eine rege Arbeitsmigration – rund 7,4 Millionen lebten 2020 im Ausland. Damit gehört Bangladesch zu den fünf Staaten mit der höchsten Emigration weltweit. Gemäss dem World Migration Report 2024 betrugen im Jahr 2022 die Rücküberweisungen nach Bangladesch 21,5 Milliarden Dollar – etwas mehr als 4,5% des BIP. Drei Viertel davon kam aus den Golfstaaten, wohin die meisten Arbeitsmigranten aus Bangladesch gehen.

SchätzungenExterner Link gehen davon aus, dass es im Jahr 2020 weltweit etwa 281 Millionen Migrantinnen und Migranten gab – das waren 3,7% der Weltbevölkerung. Der Anteil von Klimaflüchtlingen ist verschwindend klein, aber Prognosen gehen davon aus, dass er zunehmend steigen wird.

NGOs warnen regelmässig davon, die Unterstützung von Klimageschädigten zu streichen, denn dies hätte genau den umgekehrten Effekt zur Folge: Sie würden erst recht migrieren. «Menschen migrieren oft nach einem Desaster, weil sie keine Mittel für einen Neuaufbau haben», sagt Prashant Verma, verantwortlich für Helvetas-Projekte in Bangladesh.

«Die Ärmsten sind dem Klimawandel am meisten ausgeliefert. Unterstützt man sie dabei, sich an die neuen Begebenheiten anzupassen, bleiben sie meist in ihrer gewohnten Umgebung. Sind sie auf sich gestellt, müssen sie oft zwecks Geldbeschaffung migrieren, etwa um Darlehen zurückzuzahlen.»

Wie beeinflusst der Klimawandel die Migration? Ein Video der ETH Zürich zur Forschung von Jan Freihardt (auf Englisch):

Externer Inhalt

Von Bangladesch lernen, heisst überleben lernen

Jinat Hossein ist Forscherin an der Universität Zürich und führt Studien in den Sundarbans durch, den riesigen Mangrovenwäldern an der Küste Bangladeschs. Dort gestalte sich die Situation anders als im Norden: «Das grösste Problem ist die Versalzung des Bodens.» Ein Ausweichen sei schwierig, weshalb sie von mehr Migrationsbewegungen spricht. Diese seien jedoch oft zeitlich begrenzt – es gingen Frauen zeitweise in die Städte in Textilfabriken arbeiten, oder Männer suchten sich saisonale Arbeit in anderen Landesteilen. Manche gehen aus ins Ausland, da, wo bereits Bekannte aus ihrer Region sind.

Eine Rolle spiele neben der Landschaft auch die Tatsache, dass es in den Sundarbans bereits länger nationale und internationale Projekte zur Adaption an den Klimawandel, glaubt Hossein. «Durch den Einfluss von Ideen und Unterstützung ergeben sich den Betroffenen mehr Möglichkeiten.»

Tatsächlich gilt Bangladesch gemäss Ban Ki-MoonExterner Link, dem ehemaligen UNO-Generalsekretär, als ein Pionierland hinsichtlich klimabedingter Migration. Ausgehend von Szenarien, die von zunehmender Binnenmigration aufgrund des Klimawandels ausgehen, unterstützt die Regierung in Dhaka zahlreiche lokale Initiativen, die darauf zielen, Klimaflüchtlinge rasch einzubinden – und zwar möglichst in der Nähe ihres ursprünglichen Wohnorts.

«Gibt man den Leuten eine Perspektive, dann wollen sie gar nicht umziehen. Was sie wollen, ist Sicherheit für ihre Familien, und Möglichkeiten, sich der neuen Realität anzupassen», sagt Jinat Hossein.

Das bedeutet auch: Hilfe von aussen. Zurzeit geschieht das Gegenteil.

Editiert von Marc Leutenegger

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