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Neue Studie zur Polarisierung: Antipathien gegen Randgruppen sind in der Schweiz verbreitet

Josef Ender
Viele Antipathien gegen Gegner:innen der Corona-Massnahmen in der Schweizer Bevölkerung. Das Foto zeigt ein Picknick von Massnahmengegner:innen auf dem Rütli im Juli 2021. Keystone / Urs Flueeler

Die Studie, die sich mit emotionaler Polarisierung, Vertrauen und Zusammenhalt befasst, widerspricht vordergründig bisherigen Befunden.

Eine neue «Polarisierungsstudie» befindet, dass es um das Vertrauen in die Schweizer Institutionen schlecht bestellt und die emotionale Polarisierung im Land hoch ist.

Hinter der Studie stehen die Denkfabrik Pro Futuris und die Mercator-StiftungExterner Link. Die Grundlage dafür bietet eine Bevölkerungsbefragung der Universität Bern.

Für 70% der Befragten hat der gesellschaftliche Zusammenhalt in der Schweiz in den letzten Jahren abgenommen. Gleichzeitig ist der Wunsch nach Austausch mit politisch Andersdenkenden verbreitet. Die Realität sieht anders aus: Über ein Fünftel der Befragten hat im Vormonat mit keinen Andersdenkenden gesprochen.

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Die Menschen in der Schweiz sind nicht nur in Sachfragen polarisiert. Die Gräben sind auch emotional. Anhänger:innen von Parteien hegen Sympathien für ähnlich Gesinnte und Antipathien gegen Andersdenkende.

Dies zeigt sich am stärksten bei Anhänger:innen der rechtskonservativen SVP und am zweitstärksten bei Anhänger:innen der linken SP. Die gemässigten Parteien zeigen eher tiefe Werte der Antipathie, allerdings nicht nur: Die allerstärkste Abneigung hegen Anhänger:innen der Grünliberalen Partei gegenüber jenen der SVP.

Emotionale Antipathien gegen Klimaaktivist:innen, Massnahmengegner:innen und Asylbewerbende

Die «Polarisierungsstudie» fragte weiter nach Gefühlen gegenüber politischen und gesellschaftlichen Gruppen. Klimaaktivist:innen werden nur von der Anhängerschaft der Grünen geschätzt, während Politisch Rechtsdenkende sie sehr stark ablehnen.

Ähnlich ausgeprägt ist die Ablehnung gegen Gegner:innen der Pandemiemassnahmen. Viel Abneigung erfahren auch Asylbewerbende, sowie das reichste Prozent der Schweizer Bevölkerung.

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Die emotionale Polarisierung ist in den USA in den letzten 10 Jahren massiv gewachsen. Dort waren Politikwissenschaftler:innen schon vor dem jüngsten Regierungswechsel besorgt, dass die wachsende Antipathie gegenüber dem jeweils anderen politischen Lager die Demokratie gefährdet.

Für die Schweiz zeigte 2024 eine Studie der Universität Basel auf Grundlage einer SRG-Umfrage, dass sich die emotionale Polarisierung in den letzten 20 Jahren kaum verändert hat.

Die neue «Polarisierungsstudie» widerspricht diesem Befund nicht, wie Ivo Scherrer von Pro Futuris auf Anfrage von SWI swissinfo.ch bestätigt. Man wolle detailliert auf die emotionale Polarisierung in der Schweiz der Gegenwart blicken.

Im Sommer 2024 sprachen wir mit US-Amerikaner:innen in der Schweiz, darüber wie sie die emotionale Polarisierung in den beiden Ländern erleben:

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Wenig Vertrauen in Bundesrat «und insbesondere die Medien»

Für gesellschaftlichen Zusammenhalt ist das Vertrauen in Institutionen und die Regierung entscheidend. «Während Wissenschaft, Justiz und Polizei hohes Vertrauen geniessen, schneiden Parteien, das Parlament, der Bundesrat und insbesondere die Medien deutlich schlechter ab», heisst es in der Medienmitteilung der «Polarisierungsstudie».

Die Erkenntnisse lassen aufhorchen: «Nur 34,2% der Bevölkerung vertrauen dem Parlament stark oder sehr stark; beim Bundesrat sind es 42,5%.»

Dies ist ein erheblich tieferer Wert als die Schweiz in der letzten OECD-Studie erlangt hat. Gemäss dieser haben 61,9% der Schweizer Bevölkerung ein hohes oder moderat hohes Vertrauen in die Regierung. Dies ist der höchste Wert aller verglichenen Länder in der 2024 veröffentlichten Studie. Zugleich leben in der Schweiz, mit 23,6%, der kleinste Anteil an Misstrauenden.

In der neuen «Polarisierungsstudie» sind es gar nur 23,1% die ein tiefes oder keinerlei Vertrauen in die Regierung haben. Die tiefen Werte mögen auch mit der Methodik zusammenhängen: Ein mittleres Vertrauen werten die Studienautor:innen als neutral statt als moderates Vertrauen.

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Diese Betrachtungsweise führt auch dazu, dass die «Polarisierungsstudie» zum, laut Medienmitteilung, «alarmierenden» Befund kommt, dass nur 16,6% den Medien vertrauen. Doch rechnet man die 35,3% hinzu, die ein mittleres Vertrauen gegenüber den Medien empfinen, ist es noch eine Mehrheit. Wenn auch eine knappe.

In der jährlichen ETH-Studie «Sicherheit»Externer Link, die auch das Vertrauen in Institutionen misst, schneiden die Medien ebenfalls regelmässig relativ schlecht ab.

Gemäss Ivo Scherrer komme die neue «Polarisierungsstudie» nicht zu grundsätzlich anderen Resultaten als die ETH-Studie.

Wachsende Zahl «Staatsverweigerer»

Beim Verfassen der Polarisierungsstudie sei es ihnen auch weniger darum gegangen, einen Mittelwert zu erfassen – sondern die Risiken jener Gruppen in den Blick zu nehmen, die keinerlei Vertrauen haben.

Hier erfahren Sie mehr über das Abschneiden der Schweiz in der OECD-Studie und der Bedeutung von Vertrauen im Schweizer Politsystem:

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Scherrer sagt: «Öffentliche Institutionen wie Bundesrat, Parlament und Justiz können damit umgehen, wenn die Bevölkerung nur leicht überdurchschnittliches Vertrauen in sie setzt.» Anders verhalte es sich mit der wachsenden Zahl jener ganz ohne Vertrauen. «Wenn von 100 Leuten aber fünf bis zehn überhaupt kein Vertrauen haben, wird es schwer, mit diesen Menschen zu interagieren», erklärt Scherrer.

Dabei verweist er auf eine Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Gemäss dieser wuchs der Anteil Menschen, die die Legitimität des Staats ablehnen – sogenannte StaatsverweigererExterner Link – von 1,3% auf 3,3% zwischen 2018 und 2024.

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