Iklés Textilsammlung

Die Schweiz, einst Grossmacht der Textilindustrie, setzt heute auf Nischenprodukte. Das St. Galler Textilmuseum würdigt nun den Sammler und Industriellen Leopold Iklé (1838 - 1922).
Es ist ein Rückblick auf die grosse Zeit der reichen Textilbarone.
Gestickt wird auf der ganzen Welt. Wie aber kam das Sticken und somit die Textilindustrie in die Schweiz? – Gemäss einer Sage soll ein St. Galler in Lyon in eine ihm unbekannte Gasse geraten sein. Dort sah er türkische Frauen sticken.
Der Mann liess zwei Türkinnen nach St. Gallen kommen, und diese stickten vor dem neugierigen Volk auf dem Marktplatz. Die Ostschweizer Frauen schauten genau hin und guckten den Türkinnen die Fertigkeit ab.
Dies soll der erste Schritt auf dem Weg hin zur Schweizer Stickerei-, Spitzen- und Webindustrie gewesen sein. Im Zuge der industriellen Revolution entwickelten Schweizer Firmen dann ihre weltweit führenden Webmaschinen.
Heute leidet die Schweizer Textilindustrie unter dem starken Franken, der Konkurrenz und den tiefen Löhnen im Ausland. Die Auftragsbücher sind leer. Einzig noch hoch spezialisierte Unternehmen sind geblieben.
Maschinen verdrängen Hände
Im 18. Jahrhundert galt die Schweiz als «textile Weltmacht». Es war die Hochblüte der Mousseline-Weberei. Als aber Schweizer Kaufleute aus England das billigere Baumwollgarn importierten, brach die Schweizer Handspinnerei zusammen. Es war der erste von diversen Zusammenbrüchen, welche die Schweizer Textilbranche trafen.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es vor allem im Raum Zürich zu einem Gründerboom von Baumwoll-Spinnereien. Die Ostschweiz generell wurde zur «Textilschweiz».
249 Spinnereien wurden gegründet, 160 davon gingen schnell wieder ein. Im grossen Aufschwung zwischen 1850 und 1874 nutzten die Spinnereien günstige Modetrends für Variationen der Garne in Feinheit und Qualität.
Hochlohnland
Die Schweiz wurde (zusammen mit der Region Bolton in England) Weltmarktführerin bei den feinen Garnen. Der Fertigung von Textilien folgte die Herstellung von Textilmaschinen: Namen wie Rieter, Sulzer oder Escher Wyss waren und sind weltweit bekannt.
Noch bis Mitte der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts produzierte die Schweizer Textilindustrie auf hohem Niveau – zunehmend mit ausländischem Personal. Nach 1990 setzte der Rückgang der Textilindustrie ein. Der Grund: Höhere Produktionskosten als in Asien. Gegen die Niedriglohnländer gab es kaum ein Rezept.
Firmen schliessen
Kleider werden nicht mehr lokal gefertigt, sondern auf den Weltmärkten angeboten. Da blieb nur noch die hochspezialisierte Nischenproduktion. Zur Zeit überwiegen wieder eher die Hiobsbotschaften. Drei Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit:
Die Seidengarnfärberei VFA Textilveredelungs AG steht vor dem Aus. Sie verkauft das Seidengeschäft an die C. Beerli AG im St. Gallischen Thal. 41 der noch 46 Angestellten werden per Ende November entlassen.
Das Textilunternehmen Modema verlagert seine Produktion ins Ausland. 50 Stellen sind am Standort Ostermundigen (BE) von der Massnahme betroffen.
Die in der Herstellung von Webmaschinenzubehör tätige Grob Horgen AG mit Hauptsitz in Horgen (ZH) stellt in Thusis (GR) bis Ende 2003 den Betrieb ein. 50 Arbeitsplätze gehen in der Region verloren.
Textil- und Industriebarone
Die Geschichte der Schweizer Textilindustrie: eine Jahrhunderte lange Industriegeschichte mit Hochs und Tiefs. Das Textilmuseum in St. Gallen, einem der Schweizer Zentren der Textilindustrie, zeigt deren rasanten Aufstieg, aber auch tiefen Fall, der ganze Dörfer verarmen und veröden liess.
Dem ersten grossen Textilindustrieboom im 18. und 19. Jahrhundert, der mit dem Aufkommen der Computerindustrie im 20. Jahrhundert verglichen wird, entstammen auch zahlreiche Industriebarone. Die Firmengründer verkörpern diesen Teil der Schweizer Industriegeschichte.
Einer von ihnen war Leopold Iklé. Er erlebte die Anfänge der Maschinenstickerei. 1864 übernahm Leopold vom Vater die Stickerei, modernisierte die Firma und setzte auf neue Technologien.
Sammlung textiler Kunstwerke
Leopold Iklé erkannte die Chancen der Maschinenstickerei und gründete 1880 die erste Schiffli-Maschinenstickerei der Ostschweiz. Bis zum 1. Weltkrieg erlebten «Iklé frères» eine wahre Blütezeit. Sie konnten sich aber dem Niedergang der Ostschweizer Stickerei nach dem Krieg nicht widersetzen. 1929 fusionierte die Firma mit Reichenbach & Co.
In seiner Freizeit und auf Geschäftsreisen kaufte und erforschte Leopold Iklé textile Kunstwerke. Eine erste Sammlung dieser historischen Preziosen schenkte der Firmenpatron 1904 dem Textilmuseum. In den vergangenen rund 100 Jahren kamen weitere Exponate aus Iklés zweiter Sammlung dazu.
Sonderausstellung in St. Gallen
Im Jahr 2002 jährt sich Leopold Iklés Tod zum 80. Mal. Mit einer Sonderausstellung würdigt das St. Galler Textilmuseum den Sammler und Industriellen, der auch ein kulturhistorisches Interesse an den Textilien entwickelte.
Zu sehen sind Objekte von herausragender Qualität aus der Zeit zwischen dem 4. und 18. Jahrhundert. Eigentlicher Zweck der Exponate war es, als Vorbilder und Inspirationsquelle für die Produktion von Stickereien zu dienen.
Zusammen mit seinem Freund, dem Stiftsbibliothekar von St. Gallen, Adolf Fäh, veröffentlichte Iklé auch zwei unfangreiche Tafelbände zu Spitzen und Stickereien aus seiner Sammlung.
swissinfo, Urs Maurer

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