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Gedenkfeier für Opfer der Flugkatastrophe Überlingen

Vor fünf Jahren geschah das Unfassbare: Ein Zusammenstoss zweier Grossraumflugzeuge. Keystone

Fünf Jahre nach dem Flugzeug-Zusammenstoss, der 71 Menschen das Leben kostete, fand am Sonntagabend im deutschen Überlingen eine Gedenkfeier statt.

Noch sind einige Entschädigungsklagen von Eltern der Opfer hängig. Am 4.9. wird das Urteil gegen 8 Angestellte der Flugsicherung Skyguide erwartet, die der fahrlässigen Tötung beschuldigt werden.

An der Gedenkfeier zum fünften Jahrestag des Flugzeug-Unglücks von Überlingen nahmen am Sonntag weit weniger Hinterbliebene teil als vorgesehen. Ein Charterflug aus Baschkirien wurde überraschend gestrichen.

Das teilte die Stadt Überlingen mit. Gründe wurden nicht genannt. Die «SonntagsZeitung» berichtete, die russische Flugaufsichtsbehörde habe mehreren Fluggesellschaften verboten, nach Europa zu fliegen. Auch der von Opferfamilien für rund 100 Personen gecharterte Flug sei abgesagt worden.

So wurden in Überlingen nur 35 Angehörige aus der russischen Teilrepublik Baschkirien erwartet. Am Sonntagabend haben sie an einer Gedenkfeier am Mahnmal im Ortsteil Brachenreute teigenommen. Dort war am 1. Juli 2002 der Rumpf der Tupolew in einem Feld niedergegangen.

Bei dem Zusammenstoss der Passagiermaschine mit einer DHL-Fracht-Boeing nahe Überlingen waren alle 71 Insassen ums Leben gekommen. Unter den Opfern waren 49 Kinder und Jugendliche aus der baschkirischen Hauptstadt Ufa auf einem Ferienflug nach Spanien.

Späte Entschuldigung

Der damalige Skyguide-Chef Alain Rossier räumte unterdessen Fehler ein. «Wir haben nicht immer die richtigen Worte zur richtigen Zeit gefunden. Ich hoffe und bitte, dass man mir dafür verzeiht», sagte er in einem Interview mit dem Konstanzer «Südkurier».

Auf die Frage, ob sich Skyguide bei den Angehörigen der Opfer nicht schon früher hätte entschuldigen sollen, sagte Rossier: «Ich musste lernen, dass das, was das Herz möchte, der Verstand manchmal verbietet.»

Zivilprozess

Auf eine Geste des Mitleids mussten die Angehörigen lange warten. Erst als die deutsche Stelle für Flugunfalluntersuchung im Mai 2004 ihren Abschlussbericht veröffentlichte, entschuldigte sich Rossier schriftlich bei ihnen.

Offenbar herrschte Angst, ein Schuldeingeständnis könnte juristische Folgen haben. Am Rande des Strafprozesses im vergangenen Mai gegen acht Skyguide-Mitarbeiter in Bülach nutzte Schubert die Gelegenheit, sich persönlich bei Hinterbliebenen zu entschuldigen.

Einige von ihnen kamen an den Prozess, um ihrer Forderung nach Gerechtigkeit Nachdruck zu verleihen. Unterstützt wurden sie von Anwälten der US-Kanzlei Podhurst.

Dieser haben sich insgesamt 30 Opferfamilien im Kampf um eine angemessene Entschädigung anvertraut. Sie führen Zivilprozesse in der Schweiz und in Barcelona, dem Zielort des Tupolew-Fluges.

Juristische Fragen

Die übrigen 41 Familien akzeptierten einen aussergerichtlichen Vergleich und erhielten Schmerzensgeld aus einem gemeinsamen Fonds der Schweiz, Deutschland und Skyguide.

Weitere Zivilprozesse laufen. Ein erstes Urteil hat das Konstanzer Landgericht gefällt, doch ist es noch nicht rechtskräftig. In einer Schadenersatzklage entschieden die Richter, die Übertragung der Kontrolle des deutschen Luftraums auf die Schweizer Skyguide sei verfassungswidrig.

Deshalb müsse Deutschland für Schäden haften, die durch Fehler der Schweizer Lotsen entstanden sind. Geklagt hatte Bashkirian Airlines, die Schadenersatz für ihr zerstörtes Flugzeug haben will.

«Brücke nach Ufa»

Den Angehörigen bleibt vorerst nur die Gewissheit, dass sie am Bodensee stets mit Verständnis und Unterstützung der Bevölkerung rechnen können. Das Drama löste seinerzeit eine Welle der Hilfsbereitschaft aus.

Menschen mit Russischkenntnissen fanden sich spontan zusammen, um russischen Offiziellen und den Opferfamilien bei der Verständigung zu helfen.

Aus der Gruppe ist der Verein «Brücke nach Ufa» entstanden, der seither Schüleraustausch und kulturelle Begegnungen organisiert.

swissinfo und Agenturen

1.7.2002: Eine Passagiermaschine der Bashkirian Airlines kollidiert mit einem Frachtflugzeug der DHL über dem Schweizer Luftraum. 71 Menschen, darunter 45 Kinder, werden getötet.

24.2.2004: Der Fluglotse von Skyguide, der bei dem Absturz Dienst hatte, wird erstochen.

25.2.2004: Der russische Architekt Witalj Kalojew, dessen Frau und zwei Kinder beim Absturz ums Leben kamen, wird wegen der Tötung des Fluglotsen verhaftet.

26.10.2005: Ein Zürcher Gericht befindet Kalojew der vorsätzlichen Tötung für schuldig und verurteilt ihn zu 8 Jahren Zuchthaus.

18. Dezember 2006: 30 Opferfamilien werden Entschädigungen im Zuge eines Schweizer Staatshaftungs-Verfahren zugesprochen. Angehörige der anderen 41 Opfer haben bereits im Zuge eines aussergerichtlichen Vergleichs Schadenersatz aus dem gemeinsamen Pool erhalten.

15. – 30.5.2007: Acht Skyguide-Mitarbeiter stehen wegen fahrlässiger Tötung vor dem Bezirksgericht Bülach. Die Urteile werden am 4. September verkündet.

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