Das Theaterstück "Kusisita" ("Glück" in Aymara), thematisiert Gewalt an Frauen in Bolivien. Das Projekt wurde vom Kulturfonds der Schweizer Botschaft in La Paz unterstützt.
Luis Gandarillas
Die Schweizer Entwicklungszusammenarbeit soll enger mit der Wirtschaft arbeiten und stärker mit der Migrationspolitik verknüpft werden. Gibt es da noch einen Platz für Kulturprojekte? Ja, sagen Expertinnen, dies sei auch nötig.
Dieser Inhalt wurde am veröffentlicht
7 Minuten
Christina Stucky
English
en
Is there a place for culture in Swiss development aid?
Die rechtskonservative Schweizerische Volkspartei (SVP) möchte die schweizerische Entwicklungshilfe massgeblich ändern und deren Budget kürzen. SVP-Parlamentarier Andreas Glarner nahm Anfang Jahr auch die Kulturprojekte der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZAExterner Link) ins Visier: «Marionettenspieler und Maler in Tansania, Theaterleute in Mali und Usbekistan oder junge Künstler in Moldawien» hätten mit Entwicklungshilfe «nichts zu tun», sagte er in der Neuen Zürcher Zeitung. Es könne nicht sein, «dass gleichzeitig in Burkina Faso Kinder verhungern».
Nahrung oder Kultur? «Das eine schliesst das andere nicht aus», sagt Regula Gattiker, verantwortlich für Kultur und Konflikttransformation bei der Entwicklungsorganisation HelvetasExterner Link. Kultur sei ein Grundbedürfnis des Menschen.
Die Bekämpfung von Armut und Hunger wird weiterhin im Fokus der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit stehen. Dafür sorgt die Schweizer Bundesverfassung. Die «Linderung von Not und Armut in der Welt» ist dort verankert. Das Bundesgesetz über die internationale Zusammenarbeit und humanitäre Hilfe erteilt der Schweizer Entwicklungshilfe den Auftrag, «die Entwicklungsländer im Bestreben, die Lebensbedingungen ihrer Bevölkerung zu verbessern» zu unterstützen. Hier können Kulturprojekte ansetzen. Denn bessere Lebensbedingungen umfassen mehr als Nahrung und ein Dach über dem Kopf.
Selbstinitiative stärken
Gattiker ist überzeugt, dass Kulturförderung in Entwicklungsländern einen positiven Einfluss auf die wirtschaftliche und soziale Entwicklung habe. Kunstschaffende würden zu Innovation beitragen und die Selbstinitiative und das Selbstbewusstsein von jungen Menschen stärken, sagt sie.
«Künstler thematisieren gesellschaftliche Trends oft früher oder anders als andere», sagt Gattiker. Kultur fungiere so als «alternatives Sprachrohr in Gesellschaften, wo politische Äusserungen heikel sind».
Sie nennt das Beispiel Myanmar: Im «Open History»-Projekt, das von Deutschland finanziert und von der Helvetas umgesetzt wird, setzt sich die Bevölkerung mit unterschiedlichen Interpretationen der Vergangenheit ihres Landes auseinander. Bereits in der Entstehung der Ausstellungen und der Produktion von Videointerviews, kommen Menschen aus verschiedenen Volksgruppen miteinander ins Gespräch und lernen unterschiedliche Sichtweisen kennen. So leiste das Projekt einen Beitrag zur Friedensförderung in dem Land mit mehr als 130 Ethnien, erklärt Gattiker.
Kunst und Kultur gegen Konflikte
Helvetas integriert Kulturprojekte in die Programme zu Friedensförderung, Konfliktprävention und RechtsstaatlichkeitExterner Link, die auch 2021-2024 Ziele der Entwicklungszusammenarbeit bleiben werden. Dazu würden Kunst- und Kulturprojekte einen wichtigen Beitrag leisten, schreibt die DEZA auf Anfrage. Kulturprojekte könnten zum Aufbau von Verständnis und Toleranz eingesetzt werden oder als Schritt in «die Rückkehr zu Hoffnung und Normalität» nach Konflikten.
Für Kulturprogramme gibt die DEZA zwischen 4 und 6 Million Schweizer Franken jährlich aus. In Afghanistan werden damit beispielsweise lokale Kunstinitiativen unterstützt, die den sozialen Zusammenhalt stärken, in Bolivien Kulturprojekte zu Themen wie Gewalt gegen Frauen oder Menschenrechte umgesetzt und in Bosnien-Herzegowina an einer Schule für Rock-Musik in der geteilten Stadt Mostar Jugendliche zusammengeführt.
Durch Kultur den sozialen Zusammenhalt stärken: Künftige Kunstschaffende im Jangalak Berufsbildungscenter in Kabul.
Deza/Marie-Thérèse Karlen
In Gebieten mit sogenannten «eingefrorenen» Konflikten sind Kulturprogramme oft «eines der wenigen Dinge, die man tun kann», sagt Dagmar Reichert, Geschäftsführerin von artasfoundationExterner Link. Die 2011 in Zürich gegründete Stiftung arbeitet ausserhalb der Grossstädte und nahe an den Konfliktgrenzen. Ein Fünftel ihres 280’000 CHF Budgets kommt von der DEZA.
Seit einigen Jahren arbeitet artasfoundation im Südkaukasus, wo ein langanhaltender Konflikt um Abchasien, Südossetien und Nagorno-Karabach herrscht. «Es ist ein Konflikt, in dem sich wenig bewegt und wo wenig in der Hand der Bevölkerung liegt, etwas zu verändern», sagt Reichert. Kulturprogramme würden insbesondere den Jugendlichen, die sich ausgegrenzt und isoliert fühlen, die Möglichkeit bieten für Öffnung und Begegnung.
«In Regionen, die von Konflikten betroffen sind oder wo Perspektivlosigkeit herrscht, können Kulturprojekte einen Beitrag leisten gegen Fundamentalismus jeder Art», sagt Reichert. Mehrere Studien hätten gezeigt, dass die Attraktivität fundamentalistischer Organisationen darin liegt, dass sie jungen Menschen «einen Wert und eine Position» geben.
Für sie ist klar, dass vor allem junge Menschen, Bevölkerungen in abgelegenen Gegenden und Flüchtlinge in Krisen- und Konfliktgebieten zu den Verlierern einer Kürzung des Budgets für Kulturförderung zählen würden. «Menschen wollen nicht nur als Körper, der gefüttert und geschützt werden muss, gesehen werden. Viel wurde ihnen weggenommen, aber die Kultur kann man ihnen nicht wegnehmen.»
Botschaft über die internationale Zusammenarbeit 2021-2024
Ein Entwurf der «Botschaft über die internationale Zusammenarbeit 2021-2024» ist seit dem 2. Mai Teil einer öffentlichen Vernehmlassung. Zum ersten Mal können sich Nichtregierungsorganisationen, Parteien, Interessensgruppen und die breite Öffentlichkeit bei der strategischen und inhaltlichen Ausrichtung der schweizerischen Entwicklungszusammenarbeit einbringen.
Der Bundesrat legte bereits Ende November 2018 die Schwerpunkte fest: die Bedürfnisse der Bevölkerungen in den Partnerländern, die Förderung von Schweizer Interessen bezüglich Wirtschaft, Migration und Sicherheit, und Bereiche, in denen die Schweiz einen Mehrwert leisten kann.
Armutsreduktion und menschliche Sicherheit bleiben «strategische Eckpunkte» der neuen Botschaft, versicherte der Bundesrat. Gleichzeitig hat er aber entschieden, dass wirtschaftliche Aspekte, wie die Zusammenarbeit mit dem Privatsektor, und insbesondere «die strategische Wechselwirkung zwischen Migrationspolitik und internationaler Zusammenarbeit», «intensiviert» werden sollen. Ausserdem ist eine geografische Fokussierung auf vier Schwerpunktregionen vorgesehen. Aus Lateinamerika zieht sich die Schweizer Entwicklungshilfe nach über 60 Jahren zurück.
Der Entwurf der Botschaft ist bis zum 23. August auf dem Webportal des BundesratsExterner Link aufgeschaltet. Das Parlament entscheidet voraussichtlich im Februar 2020 über die Botschaft.
Welche Faktoren sollten bei der Vererbung des Schweizer Bürgerrechts im Ausland berücksichtigt werden?
Sollte es eine Grenze für die Weitergabe des Schweizer Bürgerrechts geben? Oder ist die heutige Praxis zu streng und die Meldung sollte auch nach dem 25 noch möglich sein?
Leben Sie an einem exotischen Ort, wo kaum andere Schweizerinnen und Schweizer leben?
Nur in fünf Nationen leben zurzeit keine Auslandschweizer:innen – zumindest offiziell. Sind Sie auch die oder der einzige Auslanschweizer in Ihrer Region? Erzählen Sie es uns.
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch
Mehr lesen
Mehr
«Die unbeschwerten Jahre der Entwicklungsorganisationen sind vorbei»
Dieser Inhalt wurde am veröffentlicht
Schweizer Hilfswerken bläst zurzeit ein steifer Wind entgegen. Ein Gespräch über eine Branche im Wandel mit Daniel Hitzig von Alliance Sud.
Libyen entdeckt den Film als Waffe für den Frieden
Dieser Inhalt wurde am veröffentlicht
«Natürlich ist es riskant, in Libyen Dokumentarfilme zu drehen, doch wir sind es uns mittlerweile in einem gewissen Sinn gewohnt, mit dem Feuer zu spielen. Die Schwierigkeit besteht darin, Tabuthemen mit Intelligenz und Kreativität aufzugreifen, ohne sie direkt anzusprechen, um die Gesellschaft nicht zu stark zu provozieren.» Muhannad Lamin ist 25-jährig, sein Blick ist eindringlich…
Schweiz soll in weniger Ländern Entwicklungshilfe leisten
Dieser Inhalt wurde am veröffentlicht
Der Bund will seine Entwicklungshilfe auf weniger Länder konzentrieren, um mehr Wirkung zu erzielen. Bei den finanziellen Mitteln bleibt er hinter den Vorgaben des Parlaments zurück. Die grobe Ausrichtung der internationalen Zusammenarbeit für die kommenden Jahre hatte der Bundesrat bereits letzten Herbst festgelegt. Nun haben das Aussen- und das Wirtschaftsdepartement (EDA und WBF) die Strategie…
«Der Ruf der Schweiz als verlässliche Partnerin steht auf dem Spiel»
Dieser Inhalt wurde am veröffentlicht
Die Schweizer Entwicklungshilfe steht vor einem Umbau. Fritz Brugger, Dozent und langjähriger Berater für Entwicklungshilfe, über Chancen und Risiken.
Dieser Inhalt wurde am veröffentlicht
Vor 40 Jahren installierten die jungen kommunistischen Widerstandskämpfer von Pol Pot mit der Einnahme der Hauptstadt Phnom Penh ihr Terror- und Mordregime. Der kambodschanische Filmemacher Rithy Panh spricht über diese Tragödie und seinen neusten Film, der letzten Monat in Genf Weltpremiere feierte.
Im Rahmen ihrer Eroberung der Hauptstadt am 17. April 1975 deportierten die Roten Khmer die gesamte Bevölkerung von Phnom Penh, wo damals über zwei Millionen Menschen lebten, auf das Land. Ihre Vision: Alle sollten Bauern werden. Die Stadt blieb bis zum Fall des Regimes praktisch leer. Viele der ehemaligen Bewohner waren tot oder im Exil.
swissinfo.ch: Ist in Phnom Penh heute noch etwas von dieser tragischen Ära zu spüren? Ist das anarchistische heutige Wachstum der Stadt auf die Jahre der Roten Khmer zurückzuführen?
Rithy Panh: Wenn eine ganze Stadt wie diese zwangsevakuiert wird, wenn man sie während vier Jahren ihrer Seele beraubt, fällt sie komplett zusammen. Es ist eine der wenigen Städte in der Geschichte, die auf solche Art misshandelt wurden.
Im 20. Jahrhundert wurden Städte bombardiert, aber keine wurde zwangsgeräumt, wie dies die Roten Khmer praktizierten. Die Stadt wurde in der Folge verländlicht, zum Beispiel mit einer Kokosplantage auf dem zentralen Markt.
Das Verschwinden der Bewohner – gestorben während der Deportation, an Hunger, exekutiert – hat den Bruch zwischen der vorherigen und der heutigen Stadt verstärkt. Nach dem Fall des Regimes von Pol Pot zog grösstenteils eine neue Bevölkerung in die Stadt ein. Die meisten waren Bauern, die nicht den gleichen Bezug zu Phnom Penh hatten, wie die ursprünglichen Einwohnerinnen und Einwohner.
Heute verliert die Stadt mit ihrem rasanten Wachstum ihre Erinnerung. Das Wachstum der Stadt in die Höhe nimmt keine Rücksicht auf die Geschichte Phnom Penhs. Wir erleben das Verschwinden von schönen traditionellen Häusern, nicht nur von Gebäuden aus der Kolonialzeit, von denen es damals viele gab.
Kambodscha bei Visions du Réel
Am internationalen Dokumentarfilm-Festival Visions du Réel in Nyon, das noch bis 25. April dauert, wird am 17. und 18. April als Weltpremiere ein Schweizer Film über den kambodschanischen Völkermord gezeigt.
Der Dokumentarfilm "Retour sur une illusion" erzählt von einem Treffen zwischen sechs Schweizer Gymnasiasten und Ong Thong Hoeung mit seiner Frau Bounnie, ein kambodschanisches Paar, das die Hölle des Pol-Pot-Regimes überlebt hat. Und dies nach ihrer Rückkehr nach Kambodscha, um sich an der Revolution der kambodschanischen Maoisten zu beteiligen.
Der Dokumentarfilm wird zu einem späteren Zeitpunkt am französischsprachigen Schweizer Fernsehen RTS gezeigt.
Schliesslich wird man kaum mehr wissen, wo sich das historische Zentrum befindet. Doch in letzter Zeit scheint ein Umdenken zu beginnen: Die Behörden denken über diese Fragen nach und beschäftigen sich beispielsweise mit der Erhaltung des historischen Zentrums von Phnom Penh.
swissinfo.ch: Sie haben das Zentrum Bophana für audiovisuelle Quellen ins Leben gerufen. Mit dem Ziel, die kambodschanischen Erinnerungen wieder aufleben zu lassen, welche die Roten Khmer auszulöschen versuchten, damit aber gescheitert waren. Wie sieht dessen Zukunft aus?
R.P.: Momentan bieten wir beispielsweise Zeitzeugen-Ateliers an, bei denen ältere Menschen Jüngeren erzählen, wie sie das Regime der Roten Khmer überlebt haben. Wir sollten aber nicht nur Gefangene dieser Tragödie sein. Man muss sie bekannt machen, diese Arbeit im Andenken an unsere Toten machen, jedoch mit dem Ziel, in die Zukunft zu schauen. Diese Erinnerung soll uns nützlich sein, um an die Zukunft denken zu können.
Das Zentrum Bophana bewahrt das audiovisuelle Erbe Kambodschas. Auch, um daran zu erinnern, dass das Regime der Roten Khmer weniger als vier Jahre lang gedauert hat. Es war eine wichtige Episode. Aber es ist nicht unsere gesamte Geschichte.
swissinfo.ch: Auf eine andere Episode, die Kolonialzeit, nimmt ihr neuster Film – "La France est notre patrie" ("Frankreich ist unser Mutterland") – Bezug, der im März in Genf am internationalen Filmfestival und Forum für Menschenrechte (FIFDH) Weltpremiere hatte. Dieser kommt sehr sachlich daher, nur mit Archivbildern und Text-Einblendungen, wie ein Stummfilm. Warum dieses Format?
R.P.: Es ist eine andere Arbeitsform, eine Rückbesinnung auf das Bild, seine Rhetorik, seinen Bezug zur Zeit, die Schwingungen zwischen Gegenwart und Vergangenheit, die Frage, wie ein Bild historisch wird, oder nicht.
Mich interessierte bei diesem Film, wie ein Anthropologe oder Archäologe zu arbeiten, indem ich mich fragte, wie man auf diese Bilder kam, unter welchen Umständen diese entstanden waren. Dies, ohne sie mit einem Abstand von 50 oder 100 Jahren zu werten. Wie die Archäologen, die von einem menschlichen Kiefer ausgehend eine Epoche, ihre Vegetation, ihr Klima verstehen können.
swissinfo.ch: Ihr Film zeigt, dass die Franzosen ihren kolonialisierten Völkern keine eigene Geschichte erlaubten, auch nicht Kambodscha. Gleichzeitig waren sie von der Angkor-Zivilisation fasziniert. Wie ist dieses Paradox zu verstehen?
R.P.: Ich kann dies nicht erklären. Sie liebten dieses wunderbare Land. Sie waren aber auch da, um dessen Reichtum abzuschöpfen, indem sie die Menschen ausnutzten und misshandelten. Sie haben sich die Tempel zu Eigen gemacht, wie irgendeinen anderen Schatz. Man erzählt sich, dass ein französischer Forscher die Tempelanlagen von Angkor Wat entdeckt habe. Doch die Kambodschaner lebten in nächster Nähe, aber das Land war damals schon im Abstieg begriffen.
Das kambodschanische Reich hatte all seine Energie, allen Reichtum und die gesamte militärische Kraft für seine Tempel eingesetzt, die eine sehr grosse spirituelle und kulturelle Bedeutung haben. Dies führte aber zu einer Art Unterjochung der Bevölkerung, um dieses gigantische Projekt über die Jahrhunderte bauen und unterhalten zu können.
In diesen finsteren Zeitabschnitt fiel die Kolonialisierung. Zu Beginn konnte diese das Königreich der Khmer vor dem Untergang bewahren. Doch der Preis dafür war sehr hoch.
Man muss aber auch sagen, dass die École française d’Extrême-Orient (EFEO) ermöglicht hat, die Erinnerung an Angkor zu bewahren, nachdem die kambodschanischen Archäologen, darunter meine Schwester, unter den Roten Khmer verschwunden waren. Die EFEO hat ausgezeichnete Arbeit geleistet.
Frankreich hat uns auch Rousseau gebracht, Victor Hugo, die Französische Revolution, die Gebrüder Lumière, eine Bestätigung der Menschenrechte und der Freiheit. Gleichzeitig aber hat es uns diese Freiheit lange Zeit vorenthalten, wie auch den anderen kolonialisierten Völkern. Das war ein unhaltbarer Zustand.
swissinfo.ch: In Kambodscha entsteht eine dynamische Kulturszene. Sind Kunsthandwerk und Kunst die Zukunft Kambodschas?
R.P.: Tatsächlich arbeite ich seit 25 Jahren in diese Richtung. Wenn man in einer Logik des Überlebens bleibt, funktioniert dies nicht. Man muss es wagen, Neues, Phantastisches in allen Bereichen zu schaffen.
Wir müssen erkennen, was unser wahres Talent ist. Die wahre Stärke unseres Landes sind die Kambodschanerinnen und Kambodschaner und ihre Kultur. Da liegt ein enormes Potenzial. Wie kann dies in etwas umgewandelt werden, was die anderen Länder der Region nicht haben?
Überall im Land entstehen gegenwärtig Textilfabriken. Kambodscha ist aber in diesem Bereich nicht wettbewerbsfähig wie Vietnam oder Myanmar (Burma), die viel grösser und bevölkerungsreicher sind.
Einen Schuh oder ein Kleid zu entwerfen, ist viel schwieriger. In diese Richtung müssen wir uns bewegen. Jetzt müssen nur noch die Politiker und die Regierung davon überzeugt werden, dass die Kultur ein wichtiges wirtschaftliches Thema, ein Motor ist, auch für den Tourismus.
swissinfo.ch: Sind der Kulturbereich und dessen Verbindung mit der Vergangenheit trotz der systematischen Ausrottung durch die Truppen von Pol Pot tatsächlich wieder am Erstarken?
R.P.: Und ob. Man muss nur die Fotografen sehen, die Filmemacher, die Choreographen. Kambodscha hat viel mehr zu bieten als seine Tempel und kann zu einem starken kulturellen Reiseziel werden. Denn der Massentourismus bringt für die Entwicklung der lokalen Wirtschaft zu wenig.
Das audiovisuelle Erbe Kambodschas
Neben seiner Arbeit als Filmemacher eröffnete Rithy Panh im Dezember 2006 in Phnom Penh das Zentrum Bophana. Der Name erinnert an eine junge Frau, die im März 1977 im Alter von 25 Jahren von den Roten Khmer umgebracht wurde.
Das Zentrum sammelt überall auf der Welt Archivaufnahmen über Kambodscha aus Film, Fernsehen, Radio und Fotografie. Das audiovisuelle Erbe ist für die Öffentlichkeit frei zugänglich.
Im Zentrum Bophana werden auch junge Menschen in audiovisuelle Berufe eingeführt. So vorbereitet, können diese bei lokalen und ausländischen Filmproduktionen eingesetzt werden, die in Kambodscha immer zahlreicher werden.
Namhaft unterstützt wird das Zentrum von der schweizerischen Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza). "Die Zusammenarbeit mit der Schweiz bringt uns Unterstützung in der Multimedia-Ausbildung. Ich hoffe, dass diese Hilfe anhält, damit wir weiterhin Junge in diesem Bereich ausbilden können, die für alle zugängliche digitale Inhalte produzieren werden", sagt Panh.
In diesem Rahmen realisieren die Studierenden Videos über die historischen und zeitgenössischen Realitäten Kambodschas. Gegenwärtig gibt der Schweizer Filmemacher Fernand Melgar mit Unterstützung des französischsprachigen Schweizer Fernsehens RTS am Zentrum Bophana einen Kurs über Dokumentarfilm.
Schweizer Entwicklungshilfe zu stark auf Migration ausgerichtet
Dieser Inhalt wurde am veröffentlicht
Die Schweizer Entwicklungshilfe sollte sich an den Bedürfnissen der Partnerländer orientieren und nicht primär am Zweck, Migration zu verhindern. Das fordert der OECD-Entwicklungshilfeausschuss (DAC). Alle fünf Jahre unterziehen sich die Mitglieder des DAC einer Peer Review, in welcher die Entwicklungszusammenarbeit überprüft wird. Die Resultate der jüngsten Prüfung der Schweiz sind am Freitag veröffentlicht worden. Interessant…
Entwicklungshilfe nach marktwirtschaftlichen Kriterien
Dieser Inhalt wurde am veröffentlicht
Entwicklungshilfe einmal anders: Fischer in Madagaskar fischen in Kooperativen. Kühlung und Transport des Fangs übernimmt eine Schweizer Firma.
So begegnet die Schweizer Entwicklungshilfe der Migration
Dieser Inhalt wurde am veröffentlicht
Bereits heute unterstützt die Schweiz Projekte, welche die Ziele des anfangs Woche in Marrakesch verabschiedeten UNO-Migrationspakts verfolgen.
Dieser Inhalt wurde am veröffentlicht
Die Deza unterhält heute rund 30 Partnerschaften mit dem Privatsektor. Diese Zahl will sie in den nächsten drei Jahren verdoppeln, wie Deza-Chef Manuel Sager vor den Medien sagte. Ohne Ressourcen des Privatsektors sei die UNO-Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung nicht umzusetzen. Auf die Frage, ob die Deza damit das Interesse des neuen Aussenministers Ignazio Cassis…
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch