Brutalismus, ein in der Schweiz fest verankerter Architekturstil

Der Brutalismus ist wieder ins Rampenlicht gerückt dank des Oscar-Erfolgs von "The Brutalist". Es ist ein Film über einen Architekten, der imposante Bauten aus rohem Beton baute. Diese Strömung ist in der Schweizer Architekturlandschaft sehr präsent.
Inmitten der Chalets des Dorfes Hérémence im Wallis ist die Kirche Saint-Nicolas im brutalistischen Stil nicht zu übersehen. «Wie ich gerne sage, ist sie so etwas wie unsere Kathedrale. Man kommt von sehr weit her, um sie zu sehen, aus Frankreich, aus Deutschland», freut sich Yvan Delaloye, ehemaliger Präsident des Vereins «Patrimoine Hérémence», gegenüber RTS.
Nach einem Erdbeben wurde die Kirche in den 1970er-Jahren aus demselben Beton wie die Staumauer der Grande Dixence wiederaufgebaut. Der Architekt Walter Maria Forderer wollte an die Charakterstärke der Bergbewohnenden erinnern.
Schauen Sie hier den RTS-Beitrag (auf Französisch):
«Damals sorgte das für Schlagzeilen, weil sie inmitten von Holzhäusern, Speichern und Schobern stand, die das Umfeld der damaligen Zeit abbildeten. Ich glaube, es gibt immer noch ein paar ältere Leute, denen es damals nicht gefallen hat und die vielleicht noch heute einen kleinen Groll über diese Wahl hegen», schmunzelt Yvan Delaloye.
Kongresshaus Biel
Die Kirche von Hérémence ist ein Denkmal von nationaler Bedeutung und ein Symbol des Brutalismus. Sie ist jedoch nicht die einzige in der Schweiz. Der Bieler Architekt Max Schlup entwarf 1966 das Kongresshaus Biel, das eine Phase des finanziellen Wohlstands dieser Stadt widerspiegelt.
«Man merkt, dass Max Schlup von der Brutalismus-Bewegung stark beeinflusst wurde, insbesondere bei der Fassade des Kongresshauses. Dieser Beton ist roh, mit seinen Unebenheiten, seinen Fehlern, und es gibt keine überflüssigen Ornamente», analysiert Delphine Faehndrich, Denkmalpflegerin der Stadt Biel. «Es ist ein Gebäude, das sehr kontrovers ist: Man liebt es oder man hasst es.»
Das Kongresshaus, das gleichzeitig Schwimmbad, Galerie und Konzertsaal ist, bietet eine Vielzahl von Funktionen, und das alles unter einem Hängedach, das die Vorstellungskraft herausfordert. «Ein Hängedach ruht nicht auf tragenden Pfeilern, was eine sanfte und harmonische Kurve ermöglicht», fährt Delphine Faehndrich fort.
«Das ist wirklich das Besondere an diesem Kongresszentrum, mit diesem sehr vertikalen Turm und dem gewölbten Hängedach.»
Zahlreiche Zürcher Gebäude

Der Brutalismus entstand in den 1950er-Jahren in England. In der Schweiz setzte er sich schnell durch. In Zürich gibt es heute mehr als 40 Gebäude in diesem Stil. «Es ist ein Schlagwort, mit dem man einerseits die Architektur einer bestimmten Epoche bezeichnen kann und andererseits alles, was gross ist, alles, was aus Beton ist», erklärt Laurent Stalder, Professor für Geschichte und Theorie der Architektur an der ETH Zürich.
Dieser Stil spricht nicht jeden an. «Wenn man ‹hässlich› als etwas Abwertendes betrachtet, bin ich nicht damit einverstanden, den Brutalismus so zu bezeichnen», sagt der Professor. «Aber wenn man ‹hässlich› als einen ästhetischen Begriff betrachtet, der sich der Harmonie widersetzt und sich viel mehr für die Dimension des Unfertigen und der Expressivität interessiert, ja, dann denke ich, dass ‹hässlich› ein guter Begriff ist, um darüber zu sprechen», schliesst Laurent Stalder.
Ins Deutsche übertragen mit Hilfe von Deepl: Giannis Mavris

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