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Die Saga einer Schweizer Familie im Mezzogiorno

In Piedimonte Matese hat Gian Giacomo Egg nun eine eigene Statue.
In Piedimonte Matese hat Gian Giacomo Egg nun eine eigene Statue. tvsvizzera.it

1812 gründete der Schweizer Unternehmer Gian Giacomo Egg in Piedimonte Matese in der Provinz Caserta eine Baumwollspinnerei und revolutionierte damit die lokale Wirtschaft. Sein Unternehmen florierte, bis es Ende des 19. Jahrhunderts unter der Leitung seines Urgrossneffen in Konkurs ging. Heute erinnert ein Denkmal in den «Egg-Gärten» an diese Geschichte.

In Piedimonte Matese, einer 10’000-Einwohner-Stadt 60 Kilometer von Neapel entfernt, weiss jeder, wer Gian Giacomo Egg war und welche Bedeutung der aus Ellikon an der Thur zugezogene Schweizer für die wirtschaftliche Entwicklung der Region im 19. Jahrhundert hatte. Doch wie er aussah, wussten bis vor kurzem nur wenige.

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Denn erst im November letzten Jahres wurde dem Schweizer Unternehmer in Piedimonte ein Denkmal gesetzt. Ein Denkmal, das schliesslich seinen Platz in den renovierten «Egg-Gärten» im Stadtzentrum fand und an die epochale Geschichte der Baumwollspinnerei Egg erinnert, die Hunderte von Schweizerinnen und Schweizern an den Fuss des Matese gebracht hatte.

Durch die Kontinentalsperre in die Fremde getrieben

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts erinnerte sich ganz Europa – direkt oder indirekt – an die Heldentaten Napoleon Bonapartes. Zu den Ländern, die von der französischen Armee erobert und zu Satellitenstaaten Frankreichs gemacht wurden, gehörte auch das Königreich Neapel. Doch was hat Napoleon mit Egg zu tun?

Der 1765 geborene Johann Jakob Egg betrieb in Ellikon an der Thur bei Zürich eine kleine Spinnerei. Wegen der Wirren der Französischen Revolution liefen die Geschäfte nicht gut. Der Wunsch, seine Lage und sein Geschäft zu verbessern, liess den Schweizer über die Alpen blicken. Eine Erkundungsreise führte ihn 1790 erstmals nach Neapel, wo er von der guten Position des Königreichs im internationalen Handel und dem Fehlen einer eigentlichen Textilindustrie profitieren könnte.

1806 verhängte Napoleon eine Kontinentalsperre über alle von Frankreich kontrollierten Gebiete, um England wirtschaftlich zu zermürben. Der internationale Handel wurde dadurch stark behindert, und einer der Leidtragenden war ausgerechnet Johann Jakob Egg. Die Idee, sich in Süditalien niederzulassen, nahm konkrete Formen an.

Wie Costantino Leuci in seinem Buch «Il cotonificio Egg di Piedimonte d’Alife» (Die Baumwollspinnerei Egg in Piedimonte d’Alife) schreibt, «identifizierte Egg nach eingehender Recherche Piedimonte als den geeignetsten Ort für die Errichtung einer Spinnerei, und zwar sowohl aus geographischen Gründen – die Nähe zu Neapel und das Vorhandensein des Wassers des Torano – als auch aus sozioökonomischen Gründen», da die örtliche Bevölkerung, die damals 4’000 Personen zählte, über eine alte Textiltradition verfügte, die als Arbeitskraft genutzt werden konnte.

Gustavo Wenner, einer der letzten Nachkommen einer aus St. Gallen stammenden Schweizer Unternehmerdynastie, schreibt in seinem 1953 erschienenen Essay «L’industria tessile salernitana» (Die Textilindustrie von Salerno), dass unter anderem die Ähnlichkeit dieses Ortes mit seiner Heimatstadt zu den Faktoren gehörte, die Egg dazu bewogen, Piedimonte d’Alife (1970 in Piedimonte Matese umbenannt) als Standort für seine Spinnerei zu wählen.

Inwieweit dies der Wahrheit entspricht, ist nicht bekannt. Sicher ist, dass Egg 1813, nur ein Jahr nach seiner Niederlassung in Piedimonte, die Produktion aufnahm. Dank des Interessens des Herrschers selbst, Joachim Murat, dem Schwager Napoleons, konnte der Schweizer Industrielle die Räumlichkeiten eines längst verlassenen Klosters aus dem 16. Jahrhundert übernehmen.

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Als aus Johann Jakob Gian Giacomo wurde

Johann Jakob Egg war Deutschschweizer und Protestant, genau wie die hunderten von Schweizer Arbeiterinnen und Arbeiter, die er zur Eröffnung seiner Spinnerei mitbrachte. Obwohl diese Schweizerinnen und Schweizer von Anfang an völlig harmlos wirkten, wurden sie von der einheimischen Bevölkerung als Fremdkörper empfunden.

Zumindest am Anfang, denn zwei Ereignisse brachten die Schweizer:innen den Einheimischen näher. Das erste war die Überschwemmung des Torano im Januar 1814, die nicht nur Strassen und Häuser, sondern auch die Spinnerei unter Wasser setzte. Die Schäden betrafen alle, und daraus folgte der erste Moment der Zusammenarbeit und des gegenseitigen Verständnisses zwischen der einheimischen Bevölkerung und den «Fremden».

Den Respekt der Bevölkerung erwarb sich Egg im folgenden Jahr, als eine Garnison der österreichischen Armee, welche die Franzosen aus Neapel vertreiben wollte, nur wenige Kilometer vom Stadtzentrum entfernt lagerte. «Dank seiner Deutschkenntnisse und seines diplomatischen Geschicks konnte die Stadt der Gefahr einer Plünderung entgehen, so dass ihm der Bürgermeister in Begleitung zweier Dekurionen öffentlich dankte», schreibt Costantino Leuci.

Das gegenseitige Kennenlernen der beiden Gruppen und das Interesse des Industriellen nicht nur am Schicksal seiner Spinnerei, sondern der gesamten Bevölkerung machten Johann Jakob zum angesehensten Geschäftsmann des Ortes. Das hatte zwei Folgen: Erstens wurde sein Name in Gian Giacomo Egg italianisiert und zweitens erhielt er den liebevollen, aber respektvollen Spitznamen «Don Giangià».

Die mehrheitlich protestantischen Schweizerinnen und Schweizer haben ihren eigenen Friedhof.
Die mehrheitlich protestantischen Schweizerinnen und Schweizer haben ihren eigenen Friedhof. tvsvizzera.it

Die einzigen, die Don Giangià wirklich nicht mochten, waren die örtlichen Geistlichen. Zum Teil, weil sie das Ansehen, das er sich erworben hat, nicht anerkannten, zum Teil, weil sie seinem protestantischen Glauben abgeneigt waren.

Der Klerus zettelt einige Aufstände an, um die Rückgabe des Klosters an die Kirche zu erreichen. Abgesehen von diesen sporadischen Reibereien verlief die Koexistenz zwischen Schweizerinnen und Schweizern und Einheimischen am Fusse des Matese während mehr als einem Jahrhundert friedlich.

Das Ende des Epos

Die Rückkehr der Bourbonen nach Neapel und die Gründung des Königreichs beider Sizilien hinderten Gian Giacomo Egg nicht daran, sein Unternehmen weiterzuführen. Er konnte sogar mit der Mechanisierung seiner Spinnerei beginnen, die dadurch zur produktivsten des ganzen Königreichs wurde und der starken ausländischen Konkurrenz standhalten konnte.

Die Situation von Gian Giacomo Egg hielt mehrere Jahrzehnte an, bis zu seinem Tod im Jahr 1843. Da er keine Kinder hatte, ging das Unternehmen an drei Grossneffen über: Federico Giacomo, Carlo Guglielmo und Giovan Gaspare. Schon nach wenigen Monaten war klar, dass Letzterer die Baumwollspinnerei allein weiterführen würde. Giovan Gaspare war bereits im Alter von 20 Jahren von Ellikon nach Piedimonte gezogen und hatte von seinem Onkel alle Geheimnisse des Handwerks gelernt.

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Giovan Gaspares Führung erwies sich als klug, aber die internationale Wirtschaftslage unterbrach die vielen Jahre des Wachstums, die die Spinnerei unter der Leitung seines Onkels erlebt hatte.

Die Angliederung des Königreichs beider Sizilien an das Königreich Sardinien und die Gründung des Königreichs Italien bedeuteten über Nacht das Ende des protektionistischen Systems. Die Manufaktur Egg musste sich – wie alle Manufakturen des Mezzogiorno im neuen Italien – mit dem freien Markt arrangieren, ohne dessen Regeln zu kennen.

Viele Betriebe gingen darauf in Konkurs. Die Baumwollspinnerei in Egg überlebte noch einige Jahre. Giovan Gaspare starb 1875 und sein Sohn Giovan Giacomo wurde sein Nachfolger. Aber das Schicksal war besiegelt und einige Jahre später, 1885, musste Giovan Giacomo wegen hohen Schulden alles einem weiteren Schweizer, Amedeo Berner, überlassen.

Giovan Giacomo, der in Piedimonte d’Alife geboren und aufgewachsen war, musste die Stadt verlassen und nach Zürich ziehen, wo er 1923 starb.

Übertragung aus dem Französischen: Melanie Eichenberger

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