Schweizer Spuren in Süditalien: Die Saga der Industriellenfamilie Wenner

Im 19. Jahrhundert revolutionierte eine Schweizer Unternehmerfamilie die Textilindustrie in der Region Neapel und baute ein Wirtschaftsimperium auf. Doch die Wenners mussten auch eine Entführung, Krisen und schliesslich den Niedergang ihres industriellen Traums verkraften.
Auf den Hügeln von Pellezzano, nur wenige Kilometer entfernt von Salerno an der Amalfiküste im Süden Neapels, befindet sich ein Wohnkomplex, der als «Villini svizzeri» bekannt ist.
Es handelt sich um eine Reihe von kleinen Villen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von den Besitzern der zahlreichen Firmen errichtet wurden, die von einer Gruppe von Schweizer Unternehmern gegründet wurden. Sie hatten sich einige Jahre zuvor in der Gegend von Salerno niedergelassen.
Das schönste dieser Häuser ist die Villa Wenner. Heute im Besitz der Familie Scarpa, war sie jahrzehntelang der Hauptwohnsitz der Wenners in Italien, der bedeutendsten Schweizer Unternehmerdynastie, die in Süditalien Geschichte geschrieben hat. Doch was machten sie dort?
>> Bericht von tvsvizzera.it über die Villa Wenner (Ital.):
Auf den Spuren von Johann Jakob Egg
Um zu verstehen, warum Friedrich Albert WennerExterner Link 1829 im Alter von nur 17 Jahren St. Gallen verliess, um sich in Neapel niederzulassen, müssen wir einen Schritt zurück ins Jahr 1806 machen, als Napoleon die Kontinentalsperre verhängte, um England zu schwächen und den internationalen Handel zu behindern.
Johann Jakob EggExterner Link, ein Schweizer Unternehmer, der in der Nähe von Zürich eine Spinnerei betrieb, war davon stark betroffen. Er musste einen Ausweg aus dieser Situation finden, die ihn bald in den Ruin hätte treiben können. Deshalb entschloss er sich zur Auswanderung. Aber wohin nur?
Schon bald hatte er die Idee, den neapolitanischen Markt ins Visier zu nehmen, der sich durch eine pro-napoleonische Regierung und eine günstige Lage auszeichnete und wo die Textilindustrie noch kaum entwickelt war.
Nach sorgfältigen Recherchen entschied er sich für Piedimonte d’Alife (heute Piedimonte Matese) als Standort für eine Spinnerei. Die Nähe zu Neapel, das Wasser des Torano und die lokale Textiltradition boten qualifizierte Arbeitskräfte.
Johann Jakob Egg (Italienisch: Gian Giacomo Egg) gründete damit die erste Schweizer Spinnerei in der Region Kampanien. Dieser Entscheid ebnete auch nach dem Ende der napoleonischen Zeit vielen seiner Landsleute den Weg: Vonwiller, Schläpfer, Züblin, Escher, Mayer, Zollinger, Freitag.
Aber der Name, der noch heute mit dieser Epoche und der Schweizer Industrie in Kampanien verbunden ist, ist Wenner.

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Die Saga einer Schweizer Familie im Mezzogiorno
Von St. Gallen nach Salerno
Der Stammvater der Familie WennerExterner Link in Kampanien war Friedrich Albert Wenner (Italienisch: Federico Alberto Wenner), der 1812 in St. Gallen in der Schweiz geboren wurde.
Er liess sich 1829 in der Gegend von Neapel nieder und besuchte häufig Salerno, eine Region, die sich den europäischen industriellen Einflüssen öffnete.
Zusammen mit anderen Schweizer Unternehmern, darunter die Familie Schläpfer, gründete er im Stadtteil Fratte ein auf Textilien spezialisiertes Produktionszentrum, das bald zu einem der wichtigsten in Süditalien werden sollte.
Im Jahr 1830 wurden mit Unterstützung der Firma Schläpfer-Wenner die ersten Spinnereien, Webereien und Färbereien errichtet und damit eine Ära grosser industrieller Expansion in der Provinz Salerno eingeleitet. Die Produktion konzentrierte sich auf feine Stoffe für den nationalen und internationalen Markt.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts etablierte sich das Unternehmen von Wenner und seinen Partnern als eines der Aushängeschilder der italienischen Textilindustrie.
Das Gebiet um Fratte wurde zu einem wichtigen Produktionsstandort, der Hunderte von Arbeitern beschäftigte und zum lokalen Wirtschaftswachstum beitrug.
Das Unternehmen zeichnete sich durch die Einführung innovativer, aus der Schweiz und England importierter Technologien aus, die eine qualitativ hochwertige Produktion ermöglichten.
Zur gleichen Zeit festigte die Familie Wenner ihre Wurzeln in der Region Kampanien und errichtete 1862 die Villa Wenner in Pellezzano.
Das grosse Haus wurde nicht nur zur offiziellen Residenz der Familie, sondern auch zu einem von der lokalen Bevölkerung anerkannten Symbol für deren unternehmerischen Erfolg.
Die Einigung Italiens als Wendepunkt
Die Schweizer Industrie in der Region Salerno stand auf mehreren Beinen. Es gab viele Schweizer Unternehmer, die in jenen Jahren Interessen in diesem Geschäft hatten. Das stärkste Bein war aber zweifellos jenes von Wenner.
Jahrelang schien das Unternehmen unter seiner Führung unaufhaltsam zu wachsen. Doch 1860 erlitt Wenner einen ersten Rückschlag, als Giuseppe Garibaldi die Bourbonen aus Neapel vertrieb und damit den Anschluss des Königreichs beider Sizilien an das Königreich Sardinien und die Gründung des Königreichs Italien ermöglichte.
Dies war ein Moment des Wandels, unter dem die gesamte Industrie des Südens und besonders jene von Salerno litt.
Wie Elio Varriale in seinem Essay «Svizzeri nella Storia di Napoli» (Tommaso Marotta Editore) schreibt, «warf sich der alte Don Alberto Wenner, obwohl er nun auf seine eigenen Kräfte angewiesen war, da seine brüderlichen Freunde Schläpfer und Vonwiller inzwischen verstorben waren, mit aller Kraft in den Kampf und schaffte es in wenigen Jahren, das Unternehmen in eine Musterfabrik zu verwandeln, indem er die neusten Innovationen einführte, wie zum Beispiel die neue Technik der englischen Hochdruckkalkung».
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Die Entführung
Nachdem Wenner die Hürde der Krise in der Industrie des Südens nach der Annexion überwunden hatte, musste er sich einer persönlichen Krise stellen, während er durch die Anstrengungen, Sorgen und Mühen der letzten Jahre bereits angeschlagen war.
Am 13. Oktober 1865 entführte die Bande von Gaetano Manzo in der Gegend von Fratte di Salerno den 20-jährigen Federico Wenner, den Sohn von Friedrich Albert, zusammen mit drei Mitarbeitern (Isacco Friedli, Giovan Giacomo Lichtensteiger und Rodolfo Gubler).
Denn trotz der Schaffung von mehreren tausend Arbeitsplätzen hatte sich die Familie Wenner nie integrieren können (oder wollen). Eine distanzierte Haltung, die zu Kritik und Reibereien führte.
Die Entführung war als Akt der sozialen Revolte gegen die Ungerechtigkeit und Ausbeutung durch die privaten Grossgrundbesitzer gedacht und fand damals ein grosses Medienecho.
Vier Monate nach dem Vorfall und nach einem Brief an Don Alberto mit spezifischen Drohungen kam die Entführung durch die Zahlung eines hohen Lösegelds zu einem unblutigen Ende.
Der Niedergang
Nach dieser Episode zog sich Wenner Senior noch mehr ins Privatleben zurück. Bis zu seinem Tod im Jahr 1882.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann der Niedergang des industriellen Reichtums der Familie Wenner. Das Aufkommen neuer Technologien, der internationale Wettbewerb und die Veränderungen auf dem Textilmarkt setzten die Branche unter Druck.
Darüber hinaus verschärfte die Wirtschaftskrise, die Italien nach dem Ersten Weltkrieg heimsuchte, die Situation weiter und machte es immer schwieriger, die Produktion wettbewerbsfähig zu halten.
Im Lauf des 20. Jahrhunderts verlor die Textilindustrie in Fratte nach und nach ihre zentrale Bedeutung. Damit schwand auch der wirtschaftliche Einfluss der Familie Wenner in Kampanien.
Der Todesstoss kam 1918, als Roberto Wenner (ein Neffe von Friedrich Albert) an der Spitze eines bedeutenden Industrieimperiums stand, das mehrere Krisen durchlebt hatte.
In den Jahren des Ersten Weltkriegs beschloss die italienische Regierung, das Unternehmen zu verstaatlichen. Sie tat dies nicht mit Gewalt, sondern unterstützte eine Gruppe italienischer Finanziers, vertreten durch die Banca Italiana di Sconto, bei ihrem Versuch, alle Aktien des Unternehmens zu erwerben.
Wenner und die anderen Schweizer akzeptierten den Vertrag, auch wenn er einen bitteren Nachgeschmack hinterliess. Am 15. Mai 1918 endete das 105-jährige Engagement der Schweiz in der Textilindustrie des italienischen Südens.
Übertragung aus dem Italienischen: Christian Raaflaub

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