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Studie zeigt: So gewinnen Parteien die Gunst der Bürger:innen im Ausland

Parteien Auslandschweizer
Keystone / Christian Beutler

Wie können politische Parteien Bürgerinnen und Bürger im Ausland erreichen? Politologe Adrian Favero hat dazu geforscht. Sein Befund: Die Parteistrukturen sind wichtig, entscheidend aber sind einzelne Parteifiguren.

In der Schweiz stehen gerade weder gewichtige Abstimmungen noch Wahlen an. Gelegenheit, die Mechanik der Politik anzuschauen und einen Blick auf die Frage zu werfen, die spätestens bei den nächsten Wahlen 2027 wieder relevant wird: Wie kann eine Partei die Gunst der Schweizerinnen und Schweizer im Ausland gewinnen?

Adrian Favero.
Adrian Favero. zvg

Der Schweizer Politologe Adrian Favero hat an der Uni Groningen in den Niederlanden die Auslandstrukturen aller grösseren Parteien in der Schweiz, Deutschland und Österreich angeschaut, 22 Parteien insgesamt. Er wollte wissen: Wie erreichen diese die jeweilige Diaspora? Was sind die Unterschiede? Was die Erfolgsrezepte?

Je grösser, desto mehr Bemühungen im Ausland

In seiner Studie «How to reach external citizensExterner Link» vergleicht Favero also nicht nur die Strategien und die Infrastrukturen der Parteien in diesen Ländern. Er analysiert auch die Faktoren, die den Umfang dieser transnationalen Bemühungen beeinflussen.

In der Schweiz haben vor allem die grossen Parteien wie die SVP und SP formale internationale Organisationen mit offiziellen Mitgliedern und regelmässigen Aktivitäten. Das entspricht einem Muster: Je grösser die Partei, desto professioneller in der Regel auch ihre internationale Sektion.

Auch in Deutschland haben die traditionell grossen Parteien wie die SPD, CDU/CSU und FDP umfangreiche transnationale Strukturen, während etwa die AfD weniger investiert. In Österreich unterhalten vor allem die SPÖ und liberale NEOS entsprechende Strukturen. Kleinere Parteien haben generell selten formale Strukturen im Ausland.

SVP und SP sind professionell organisiert

Ein Blick auf die Schweiz zeigt: Die SVP hat etwa 400 Mitglieder weltweit und betreibt vier Ländervertretungen in Europa, sowie drei Zweigstellen in Zentralamerika und Afrika, darunter etwa die «SVP ElfenbeinküsteExterner Link«.

Die SP hat sieben Zweigstellen in Europa, Afrika und Nordamerika sowie ein Netzwerk von 24 Kontaktpersonen weltweit. «Die Sekretariate der SVP und der SP geben den Auslandschweizern Raum und materielle Unterstützung», sagt Favero. Die Leute, die sich im Ausland beteiligen, seien oft mit Freude und motiviert dabei. «Für sie ist es oft auch ein Ausdruck von Heimatverbundenheit.»

Favero stellt aber auch fest: «Mit einer Ausland-Sektion ist es nicht getan.» Als Beispiel nennt er die SVP-Sektion in Spanien, die vor kurzem eingingExterner Link. «Sie kümmerte sich vor allem um eigene Mitglieder und nicht um andere Schweizer:innen, die in Spanien lebten», erzählt der Studienautor. Was ist die Erkenntnis davon? «Die Sektionen müssen auch über die eigene Partei-Community hinaus Landsleute für Politik begeistern», sagt der Studienautor.

«Entscheidend sind einzelne Parteifiguren»

Gleichzeitig hält Favero fest, dass die Arbeit der Parteisektionen im Ausland nur ein Faktor ist, möglicherweise gar ein untergeordneter. «Die Kanäle sind nicht so entscheidend», sagt er und nennt ein Beispiel: «Roger Köppel folgen auf Youtube und den sozialen Medien mehr Leute als der SVP international.»

Dabei brauche es nicht einmal Influencer mit der Reichweite des umtriebigen Weltwoche-Verlegers, sondern überhaupt Personen, welche die Partei repräsentieren und sich sichtbar für die Themen der Auslandwähler:innen einsetzen.

In der Mitte Partei ist mit Elisabeth Schneider-Schneiter zweifellos eine solche Repräsentantin am Werk. Nicht wenige Auslandschweizer:innen konnte die Nationalrätin mit ihrem Einsatz für Auslandschweizer-Themen bei den Wahlen 2023 für die Mitte begeistern. Einige gründeten allein deswegen Auslands-Wahllisten für die Mitte-Partei.

«Ein klares Bekenntnis zur Ausland-Community»

Gibt es also eine Best Practice? «Ja. In Österreich macht die liberale Partei NEOS sehr vieles richtig», sagt Favero. «Sie nennen die Ausland-Österreicher als zehntes Bundesland, erwähnen diese im Parteiprogramm und arbeiten mit intrinsisch motivierten Repräsentierenden.» So ergebe sich eine Kombination von klarem Bekenntnis zur Ausland-Community und einer kostengünstigen, effizienten Struktur.

Faveros Tipp darum an die Schweizer Parteien: «Gebt jemandem die Auslandschweizer-Vertretung in die Hände und macht diese Person zur Identifikationsfigur, zum Gesicht für eure Partei bei den Auslandschweizer:innen.» Parteien könnten zudem ihr Auslandprofil schärfen, indem sie einerseits die Auslandbürger:innen adressatengerecht ansprechen und andererseits ihre spezifischen Leistungen für diese vermehrt in den Vordergrund stellen, sagt der Experte.

Favero lebt selbst seit zehn Jahren im Ausland. Zuerst forschte er in Polen, dann in Schottland und England, heute in den Niederlanden, wo er auch Mitglied des Schweizer Clubs NordenExterner Link ist.

Populistische Kräfte interessiert das Ausland wenig

Interessant zu beobachten ist für ihn derzeit die SVP. Denn es entstehe im Moment ein europaweites Netzwerk an rechtspopulistischen Kräften. «Interessanterweise beteiligt sich die SVP daran bisher nicht», stellt er fest. «Doch der Zeitgeist zeigt Richtung rechts, die SVP könnte den Schwung nutzen.»

Ein Indiz für eine Trendumkehr lieferte bereits die eidgenössische Abstimmung zum Autobahn-Ausbau im November. Die Schweizer Diaspora brach bei dieser Vorlage mit ihrem bisherigen Muster eines tendenziell ökologischeren Verhaltens und stimmte überraschend deutlich für den Autobahn-Ausbau – im Gegensatz zum Inland.

Ohnehin bilde die SVP als Partei mit populistischen Zügen, die stark in ihre transnationalen Strukturen investiere, eine Ausnahme. Populistische Parteien investieren laut seiner Studie tendenziell weniger in die Gunst der Auslandbürger:innen.

Wahlkampf in der Schweiz 2023: Kollektion von Werbematerial der Parteien.
Wahlkampf in der Schweiz 2023: Kollektion von Werbematerial der Parteien. Keystone / Christian Beutler

Bei etablierten Parteien seien solch transnationale Netzwerke hingegen bereits Tradition oder Teil der Kultur, insbesondere bei den Sozialdemokraten, aber auch bei den Grünen und bei wirtschaftsliberalen Parteien.

Weiteres, gar grosses, Potenzial sieht der Politikwissenschafter in einer Ausdehnung des E-Votings, das derzeit in der Schweiz im Pilotbetrieb läuft. Auch dazu hat Favero bereits eine Studie verfasst. Sie ist allerdings noch nicht veröffentlicht.

Favero befragte dazu 1620 Schweizerinnen und Schweizer im Ausland. Seine Auswertung zeigt, dass männliche Auslandschweizer sich deutlich mehr an Wahlen und Abstimmungen beteiligen als weibliche.

Ebenfalls interessant: Bei den Auslandschweizer:innen ist die Benutzerfreundlichkeit kein wichtiges Kriterium bei der Verwendung von E-Voting. Am wichtigsten sei ihnen dabei die Sicherheit.

Wir werden diese Studie bei Veröffentlichung vertiefter anschauen.

Hohe transnationale Infrastruktur: Parteien wie die SVPExterner Link und SPExterner Link haben gut entwickelte internationale Organisationen mit formalen Strukturen und regelmässigen Aktivitäten. Diese Parteien haben offizielle Zweigstellen und ein Netzwerk von Kontaktpersonen weltweit.

Mittlere transnationale Infrastruktur: Parteien wie die MitteExterner Link, FDPExterner Link und GLPExterner Link haben internationale Organisationen, aber keine formalen Zweigstellen. Sie verlassen sich auf Netzwerke und Kontaktpersonen.

Niedrige transnationale Infrastruktur: Die GrünenExterner Link und kleinere Parteien wie die EVP, PdA und EDU haben keine formalen Strukturen im Ausland.

Editiert von Samuel Jaberg

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