CERN: «Der Ausschluss Russlands hilft Putin»

Russland hat einen wesentlichen Beitrag zur Forschung am Kernforschungszentrum CERN in Genf geleistet. Doch die Zusammenarbeit wird nicht erneuert. Wissenschaftler:innen sprechen von einem gefährlichen Präzedenzfall, der am Ende Putin nütze.
«Es gibt so viele Konflikte auf der Welt. Wenn die wissenschaftliche Zusammenarbeit eingeschränkt wird, hat das Folgen für die künftigen Projekte und Kooperationsmodelle des CERN, der Europäischen Organisation für Kernforschung», sagt der deutsche Physiker Hannes Jung.
Seiner Meinung nach ebnet der Ausschluss Russlands aus der Wissenschaftsorganisation in Genf den Weg für eine ähnliche Behandlung anderer Länder.
Was ist passiert? Nach einer Vorentscheidung im Juni 2022 beschloss der Rat des CERN im Dezember 2023 definitiv, die Zusammenarbeit mit Russland und Weissrussland zu beendenExterner Link.
Dies als Reaktion auf die «anhaltende illegale militärische Invasion Russlands in der Ukraine». Das russische Aussenministerium reagierte im März 2024 auf diese Entscheidung und bezeichnete sie als «politisch, diskriminierend und inakzeptabel».
Tatsächlich handelt es sich um einen beispiellosen Entscheid. In der Vergangenheit hatte das CERN beispielsweise Jugoslawien (Serbien und Montenegro) sanktioniert, indem es die Zusammenarbeit während des Bosnienkriegs 1992 aussetzte.
Doch vor dem jüngsten Beschluss, die Kooperation mit Russland und Weissrussland nicht zu verlängern, hatte das Kernforschungszentrum nie Länder von der internationalen wissenschaftlichen Forschung ausgeschlossen.

Mehr
Newsletter
Die wissenschaftlichen Beziehungen zwischen dem CERN und Russland bestehen seit fast sechzig Jahren.
Die Organisation mit Sitz an der französisch-schweizerischen Grenze in der Nähe von Genf unterzeichnete in den 1960er-Jahren ‒ auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges ‒ die ersten Vereinbarungen mit russischen Labors.
Im Jahr 1991 erhielt die Russische Föderation Beobachterstatus am CERN. Seitdem leistet Russland sowohl finanziell als auch wissenschaftlich einen wichtigen Beitrag zu den Experimenten des Kernforschungsinstituts.

Mehr
Der Hundertjährige, der sich aufmachte, mit der Wissenschaft Frieden zu stiften
Folgen für die wissenschaftliche Forschung
Zu den Konsequenzen dieses Entscheids gehört ein Einnahmenverlust von mehr als 2 Millionen Franken pro Jahr.
Einen Beitrag in dieser Grössenordnung hat Russland nach Angaben des CERN bis 2022 und zum Teil auch 2023 an das CERN bezahlt. Mit diesem Kapital hat Russland den Bau des Teilchenbeschleunigers Large Hadron Collider (LHC) des CERN mitfinanziert.
Es handelt sich um die weltweit grösste und leistungsfähigste Maschine zur Erforschung der Teilchenphysik. Das CERN bestätigte Schätzungen von SWI swissinfo.ch, wonach Russland in den letzten 30 Jahren mindestens 4,5% der Gesamtkosten von rund 1,5 Milliarden Franken für LHC-Experimente finanziert hat.
In seiner mittelfristigen PlanungExterner Link für den Zeitraum 2024-2028 weist das CERN darauf hin, dass es zusätzliche 40 Millionen Schweizer Franken aufbringen muss, um die fehlenden russischen Beiträge für den Ausbau des Teilchenbeschleunigers auf hohe Luminosität (High Luminosity LHC) zu kompensieren.
Zu den finanziellen Aspekten kommt der Verlust von russischen Mitarbeitenden und Know-how bei den verschiedenen Experimenten, die am CERN durchgeführt werden. All dies wird Auswirkungen auf den Betrieb des CERN haben, heisst es in dem Planungsdokument.

Mehr
Ein Teilchenbeschleuniger der nächsten Generation am Cern
Hannes Jung ist Physiker und emeritierter Professor am Deutschen Elektronen-Synchotron DESYExterner Link in Hamburg. Er hat jahrelang mit dem CERN zusammengearbeitet. Neben der Finanzierungslücke sieht er noch weitere Risiken durch den Ausschluss Russlands aus der Organisation.
Seiner Meinung nach könnten russische Wissenschaftler:innen, die nicht mehr am CERN arbeiten können, dazu gedrängt werden, sich aus der Not heraus an der russischen Militärforschung zu beteiligen. Ausserdem könnte das Geld, das Russland beim CERN einspart, im Krieg gegen die Ukraine eingesetzt werden.
Hannes Jung ist überzeugt, dass mit dem Ausschluss Russland vom CERN der Ukraine nicht geholfen wird: «Stattdessen wäre es wichtig und positiv, wenn Russland weiterhin finanzielle und intellektuelle Ressourcen aufwenden würde, um Experimente und Forschung am CERN zu unterstützen.»
Entfällt die Brückenfunktion der Organisation?
Jung und viele andere Wissenschaftler:innen sind besorgt über die Zukunft der Organisation – die ursprünglich gegründet wurde, um Menschen aus verschiedenen Ländern zusammenzubringen und mittels Forschung Brücken zu bauen.
Jung ist mittlerweile pensioniert. Er kam in den 1980er-Jahren als Student aus Westdeutschland zum CERN. Von Anfang an faszinierte ihn die Atmosphäre des Austauschs und des Dialogs zwischen Wissenschaftler:innen aus Ländern, die aus dem West- und Ostblock stammten.
Jung erinnert sich, dass ein Teil der Detektortechnologie des CERN aus Messinghülsen der russischen Marine gegossen wurde. «Früher haben wir Waffen in Instrumente des Friedens verwandelt. Das wird es jetzt nicht mehr geben», sagt er.

Konsequenzen für russische und belarussische Wissenschaftler:innen
Das Ende der Zusammenarbeit erfolgt gemäss der CERN-ResolutionExterner Link für Belarus per 27. Juni und für Russland am 30. November 2024, wenn die zurzeit geltenden Kooperationsabkommen auslaufen. Diese Verträge werden nicht verlängert. Nach Angaben des CERN sind rund 500 Personen betroffen.
«Es ist eine traurige Situation», sagt einer der Betroffenen, Fedor Ratnikov. Diese Entwicklung sei beängstigend, sowohl von aussen als auch von innen. Und er fügt an: «Meiner Meinung nach sollte man die guten Beziehungen nicht abbrechen.»
Der 61-jährige Ratnikow ist leitender Wissenschaftler an der von der russischen Regierung finanzierten Higher School of Economics (HSE-Universität) in Moskau und arbeitet seit fast zwei Jahrzehnten an CERN-Experimenten. Für seine Zukunft am CERN sieht er nicht viele Perspektiven.
«Ich werde höchstwahrscheinlich in den Ruhestand gehen, wenn ich dazu gedrängt werden sollte, in Russland militärische Forschung zu betreiben», sagt er. Er hofft zugleich, doch noch irgendeinen Weg zur Fortsetzung der Zusammenarbeit zu finden.
Viele seiner Kolleg:innen, die am CERN in Schlüsselpositionen arbeiteten, sind bereits zu westlichen Instituten gewechselt, um die internationale Zusammenarbeit fortzusetzen.
Für Ratnikov ist dies jedoch keine Option. Der Wissenschaftler war 2016 nach mehreren Auslandsjahren in den USA nach Russland zurückkehrt. Er war damals überzeugt, dass er in seinem Heimatland nützlich sein könnte.
«Ich bin nach Russland zurückgekehrt, um Forschungsprojekte in meinem Land zu verfolgen. Ausserdem muss ich mich um meine Mutter kümmern», sagt er.

Politik hat über Wissenschaft gesiegt
Das CERN lehnte es ab, die Entscheidung des Rates, die Zusammenarbeit abzubrechen, zu kommentieren. «Wir können uns nicht zu einer Entscheidung äussern, die von unseren Mitgliedsstaaten getroffen wurde und an die sich das CERN halten muss», sagt CERN-Sprecher Arnaud Marsollier.
Das Genfer Laboratorium ist an die Beschlüsse seines Rates gebunden, der sich aus je zwei Delegierten der 23 Mitgliedstaaten zusammensetzt ‒ mit einem eher politischen respektive einem eher wissenschaftlichen Hintergrund.
Die Mitgliedsstaaten leisten einen grösseren Beitrag zum Budget des CERN als die Beobachterstaaten (wie bisher Russland). Die Schweiz steuert beispielsweise rund 40 Millionen Franken pro JahrExterner Link bei, während Deutschland mit 220 Millionen Franken pro Jahr den grössten Beitrag leistet.
Obwohl der Rat die politischen Interessen seiner Mitgliedsstaaten vertritt, sei es ihm bisher gelungen, die Organisation ausschliesslich nach wissenschaftlichen Interessen zu lenken, sagt der ehemalige CERN-Mitarbeiter Maurizio Bona.
«Der Entscheid hat mich sehr enttäuscht»
Die politischen Probleme hätten keinen Eingang gefunden. «Das CERN wurde gegründet, um Wissenschaft zu betreiben sowie den interkulturellen Dialog und den Frieden zu fördern; es gab keinen politischen Druck», sagt er. «Aber im Jahr 2022 hatte die Politik plötzlich Vorrang vor den Interessen und Prinzipien der Wissenschaft.»
Bona arbeitete am CERN zunächst an der Konzeption und Entwicklung des Beschleunigers und war dann als Berater des vorherigen Generaldirektors für die Beziehungen zu internationalen Organisationen zuständig.
Just als er im März 2022 in den Ruhestand ging, beschloss das CERN, die Zusammenarbeit mit Russland und Belarus auszusetzenExterner Link. Diese Entscheidung habe ihn und alle, die ihre berufliche Laufbahn am CERN absolviert hätten, überrascht und verärgert, so Bona.
«Vier Jahrzehnte lang war das CERN mein Zuhause. Ich war davon überzeugt, dass die Ausrichtung der Organisation keinem politischen Druck ausgesetzt war. Und wir Wissenschaftler waren sehr stolz darauf. Der Entscheid hat mich dann sehr enttäuscht.»
«Sie haben einen Traum von Putin verwirklicht»
Der russische Physiker Andrei Rostovtsev, Mitglied von Science4PeaceExterner Link und ehemaliger CERN-Mitarbeiter, gehört zur Gruppe von Wissenschaftler:innen, die glauben, dass die Entscheidung rein politisch war. «Der wissenschaftliche Fortschritt wurde der Politik unterworfen», sagt er.
Quellen, die dem CERN und seiner wissenschaftlichen Gemeinschaft nahestehen, erklärten gegenüber SWI swissinfo.ch, dass die Delegationen der meisten Mitgliedsstaaten am 15. Dezember auf direkte Anweisung ihrer jeweiligen Regierungen abgestimmt hätten.
Im Februar enthüllte das Online-Nachrichtenportal The Geneva ObserverExterner Link einige Details der geheimen Abstimmung: 17 der 23 Mitgliedsstaaten des CERN-Rates stimmten gegen die Fortsetzung der Kooperationsabkommen. Ungarn, Israel, Italien, Serbien, die Slowakei und die Schweiz enthielten sich der Stimme.
Auf Anfrage von SWI swissinfo.ch wollte das Schweizer Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation die Gründe für die Stimmenthaltung nicht kommentieren und verwies auf die Vertraulichkeit der Gespräche.
Rostovtsev argumentiert, dass es wohl relativ einfach war, Russland aus dem CERN auszuschliessen, da es bereits seinen Beitrag zum Bau des Teilchenbeschleunigers und der Detektoren geleistet hatte.
Andere Projekte laufen weiter
Laut Rostovtsev sind andere internationale wissenschaftliche Projekte, beispielsweise das Kernfusions-Projekt IterExterner Link mit Sitz in Frankreich, immer noch stark von Russland abhängig. Dort sei ein Ausschluss Russlands momentan undenkbar.
Rostovtsev betreibt die Website dissernet.orgExterner Link, die sich gegen Plagiate in der russischen Wissenschaft wendet. Er ist sich sicher, dass der Ausschluss Russlands aus dem CERN dem russischen Präsidenten Putin helfen wird: «Putin wird dies als Argument benutzen, um das russische Volk davon zu überzeugen, dass die Nachbarländer Feinde Russland sind.»
So müsse der russische Präsident nicht selbst entscheiden, die Mittel für die Wissenschaft zu kürzen, um mehr Geld für den Krieg einzusetzen. «Sie haben einen Traum von Putin verwirklicht», bilanziert Rostovtsev.
Edited by Veronica De Vore/ds, aus dem Italienischen übertragen von Gerhard Lob
Mehr
Ukraine-Krieg: Heikle Mission in Genf


In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch